Was ein Mensch braucht, wenn eine schwere Diagnose das Leben plötzlich verändert

Vor zehn Jahren stand sie in meiner Praxis.
Eierstockkrebs. Operiert. Nun sollte, zur Sicherheit, die Chemotherapie folgen.

Ihre erste Frage an mich war:
„Helfen Sie mir dabei, das durchzustehen?“

„Ja“, sagte ich. „Dafür bin ich da.“

Chemotherapie ist nicht für jede Patientin gleichermaßen grauenhaft. Aber bei Frau P. war sie es. Mit jeder Sitzung nahm die Übelkeit zu. Nichts half. Weder die verordneten Medikamente noch die begleitenden Maßnahmen, die wir besprochen hatten.

Einzig eine bestimmte Infusion, die ich regelmäßig verabreichte, verschaffte ihr so viel Erleichterung, dass sie weitermachen konnte. Nicht gut und nicht beschwerdefrei. Aber ausreichend, um durchzuhalten.

Oft sagte sie:
„Frau Wiesmann, ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich halte das kaum noch aus. Diese Übelkeit, dieser Schwindel. Ich kann nichts mehr tun, es geht mir so schlecht. Am liebsten würde ich abbrechen.“

Sie brach nicht ab.

Es waren viele Montagvormittage, die wir gemeinsam in meiner Praxis verbrachten. Während die Infusion langsam einlief, sprachen wir. Manchmal viel, manchmal wenig. Ich sprach ihr Mut zu. Manchmal reichte es auch, einfach da zu sein.

Nach Ende der Chemotherapie erholte sie sich.
Wenn wir uns im Wald begegneten, sie mit ihrem kleinen Hund, ich mit meinen, kam mir eine vitale, frohe, zufriedene Frau entgegen. Manchmal blieben wir stehen.

„Was wir damals miteinander durchgestanden haben! Und ohne Ihre Unterstützung, Ihre Kompetenz und Ihr Einfühlungsvermögen hätte ich es vielleicht nicht geschafft“, sagte sie dann, halb lachend, halb staunend.

Vor ein paar Wochen meldete sie sich erneut an.

„Ich brauche Sie wieder“, sagte sie. „Ich habe ein Röntgenbild vom Abdomen machen lassen. Zufällig wurde der Thorax mitgeröntgt. Dabei hat der Arzt einen faustgroßen Tumor in der Lunge entdeckt. Und noch zwei weitere.“

Sie weinte.
Sie war wütend.
Sie will noch nicht sterben.

Sie fühlte sich fit, gesund, hatte keinerlei Anzeichen bemerkt. Dieser Krebs hatte nichts mit dem von vor zehn Jahren zu tun. Eine andere Baustelle. Ein anderer Krebs.

In den Jahren meiner Berufstätigkeit habe ich viele Patientinnen und Patienten mit Krebs begleitet. Viele haben überlebt. Andere sind gestorben.

Wenn ein Mensch eine schwere Diagnose erhält geschieht das meist vollkommen unerwartet. Das ist eine Zäsur. Ein Schnitt durchs Leben. Von einem Moment auf den anderen ist alles anders. Wie kann man eine schwere Diagnose verarbeiten?

Der vertraute Körper wird fremd. Mitunter feindlich.
Das bisher Selbstverständliche verliert seine Selbstverständlichkeit.

Gut, wenn Wut da ist.
Gut, wenn Tränen fließen dürfen.

Was es nicht braucht, sind vorschnelle Durchhalteparolen. Kein „Sie sind stark, Sie schaffen das“, wenn jemand gerade angeschlagen ist, angezählt, erschüttert.

Was braucht es stattdessen?

Eine verständliche Erklärung der Diagnose.
Transparente Therapieoptionen.
Raum für Fragen, auch für die unbequemen.

Das Wissen um die eigenen Ressourcen. Und Hilfe, Zugang zu ihnen zu finden.

Menschen, die da sind.
Stabile Gesprächspartner, die Gefühle mittragen, ohne sie zu bewerten.
Psychologische Begleitung, wenn nötig.
Die Erlaubnis, nicht stark sein zu müssen.

Praktische Unterstützung.
Wer versorgt den Hund, wenn Krankenhausaufenthalte anstehen?
Wer kocht einmal eine Suppe?

Nicht jedes Gespräch erzwingen. Aber ein wirklich offenes Ohr, wenn gesprochen werden möchte.

Und immer wieder: das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden.
Kompetent begleitet zu sein.
Zeit zu haben, zu begreifen, zu verarbeiten.

Jeder Mensch findet seinen eigenen Umgang mit einer schweren Erkrankung. Das steht ihm zu.

In all den Jahren hat mein Beruf mich eines gelehrt: Hochachtung vor den Menschen, die mit Krebs, Parkinson oder Autoimmunerkrankungen leben müssen.

Manchmal bringt eine Diagnose ungeahnte Stärke hervor.
Manchmal Demut.
Manchmal Dankbarkeit für das, was ist oder war.
Manchmal auch ein Aufgeben.

Auch das darf sein.

Der eigene Weg will selbst gewählt werden. Ich begleite ihn mit meiner Kompetenz und mit Empathie. Und vielleicht auch mit einer besonderen Nähe, die entsteht, wenn es um viel geht.

Manchmal frage ich mich: „Wie machen sie das bloß?“ Obwohl ich’s ja eigentlich weiß.

Mir wachsen diese Menschen ans Herz.