Müdigkeit gehört inzwischen zu den häufigsten Beschwerden überhaupt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht jemand sagt: „Ich bin ständig müde.“ Längst betrifft das nicht mehr nur Eltern mit kleinen Kindern, Schichtarbeiter*innen oder Menschen, die unter Schlafmangel leiden. Auch im ganz normalen Alltag fehlt die Energie. Sie kommen morgens nur schwer in Gang, fühlen sich bereits am Nachmittag erschöpft und haben das Gefühl, nie mehr richtig aufzutanken.

Blutbild, Eisenwerte, Schilddrüse, Blutzucker – häufig sehen die Ergebnisse unauffällig aus. Das ist zunächst beruhigend. Gleichzeitig beginnt für viele Betroffene damit die eigentliche Ratlosigkeit. Denn die Müdigkeit bleibt.

Die Medizin sucht häufig nach einer einzelnen Ursache. Müdigkeit hat jedoch oft keine einzelne Ursache. Sie ist vielmehr das Ergebnis vieler kleiner Belastungen, die sich über Monate oder Jahre summieren. Erst ihre Summe bringt das Fass zum Überlaufen. Der Energieverbrauch ist dauerhaft höher als die Fähigkeit des Körpers, sich zu regenerieren.

Eine Umweltkrankheit?

Unser Lebensumfeld hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Die Sommer werden heißer, Tropennächte nehmen zu, Luftschadstoffe wie Feinstaub und Ozon belasten den Organismus, und selbst nachts finden viele Menschen kaum noch wirkliche Ruhe. Hinzu kommen Verkehrslärm, künstliches Licht, ständige Erreichbarkeit und eine Informationsflut, die kaum Pausen zulässt. Das Nervensystem verarbeitet ununterbrochen neue Reize. Auch wenn wir sie oft gar nicht bewusst wahrnehmen, kosten sie Energie.

Stille Entzündungen

Ein weiterer Faktor sind chronische, niedriggradige Entzündungen. Die sogenannte „Silent Inflammation“ steht seit einigen Jahren im Mittelpunkt intensiver Forschung. Gemeint ist eine unterschwellige Entzündungsaktivität, die keine typischen Beschwerden wie Fieber oder Schmerzen verursacht, das Immunsystem jedoch dauerhaft beschäftigt. Diskutiert wird ihr Einfluss unter anderem bei Übergewicht, Stoffwechselstörungen, einer gestörten Darmbarriere und verschiedenen chronischen Erkrankungen. Wer ständig Entzündungsprozesse kontrollieren muss, verbraucht mehr Energie – und kann sich entsprechend erschöpft fühlen.

Mikronährstoffmangel

Ebenso wichtig ist eine funktionierende Energieversorgung der Zellen. Damit Muskeln, Gehirn und Organe leistungsfähig bleiben, benötigen sie unter anderem Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Magnesium und weitere Mikronährstoffe. Auch Schilddrüsenhormone sind für den Energiestoffwechsel unverzichtbar. Fehlen diese Bausteine oder können sie nicht ausreichend aufgenommen werden, macht sich das häufig zuerst durch nachlassende Leistungsfähigkeit bemerkbar.

In diesem Zusammenhang lohnt sich auch ein Blick auf den Darm. Er ist weit mehr als ein Verdauungsorgan. Hier werden Nährstoffe aufgenommen, hier befindet sich ein großer Teil des Immunsystems, und hier leben Milliarden von Mikroorganismen, die zahlreiche Stoffwechselvorgänge beeinflussen. Gerät dieses empfindliche System aus dem Gleichgewicht, kann sich das nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf das allgemeine Wohlbefinden auswirken.

Die Leber

Weniger bekannt ist, dass auch die Leber einen entscheidenden Beitrag zu unserem Energiehaushalt leistet. Sie ist das zentrale Stoffwechselorgan des Körpers. Sie speichert Vitamine und Spurenelemente, reguliert den Zucker- und Fettstoffwechsel, produziert lebenswichtige Eiweiße und baut Stoffwechselprodukte sowie körperfremde Substanzen ab. Gleichzeitig arbeitet sie rund um die Uhr, meist völlig unbemerkt. Wird sie jedoch dauerhaft stark beansprucht – etwa durch eine ungünstige Ernährung, eine Fettleber, Medikamente oder andere Stoffwechselbelastungen –, kann sich dies ebenfalls auf Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden auswirken.

Und immer wieder: Stress

Nicht unterschätzt werden sollte außerdem das vegetative Nervensystem. Es steuert Herzschlag, Atmung, Verdauung und viele weitere Körperfunktionen. Dauerhafter Stress kann dazu führen, dass dieses System ständig auf Alarmbereitschaft bleibt. Viele Menschen schlafen dann zwar ausreichend lange, erreichen aber keine echte Erholung. Der Körper arbeitet selbst in Ruhephasen weiter auf Hochtouren.

Ein schleichender Prozess

Kaum jemand wacht eines Morgens auf und ist plötzlich chronisch müde. Häufig sinkt die Belastbarkeit über Monate oder sogar Jahre. Viele gewöhnen sich an diesen Zustand und halten ihn für eine normale Begleiterscheinung des Älterwerdens oder eines anspruchsvollen Lebens. Dabei kann Müdigkeit ein wichtiges Signal sein, dass der Organismus seit Längerem versucht, verschiedene Belastungen auszugleichen.

Deshalb sollte anhaltende Erschöpfung immer ernst genommen und abgeklärt werden. Blutarmut, Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafapnoe oder andere medizinische Ursachen müssen ausgeschlossen werden. Bleiben die Befunde unauffällig, bedeutet das jedoch nicht, dass die Beschwerden ohne Ursache sind. Häufig entsteht das Gesamtbild erst aus vielen einzelnen Puzzleteilen.

In meiner Praxis

Genau hier setzt die Naturheilkunde an. Eine ausführliche Anamnese betrachtet nicht nur Laborwerte, sondern auch Ernährung, Verdauung, Schlaf, Bewegung, Stressbelastung, vorausgegangene Infekte und weitere Einflussfaktoren. Oft zeigt sich erst im Zusammenspiel dieser Bereiche, warum die Energiereserven erschöpft sind – und an welchen Stellen der Organismus sinnvoll unterstützt werden kann.

Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt immer von den individuellen Ursachen ab. Das können Veränderungen der Ernährung und des Lebensstils sein, der Ausgleich von Mikronährstoffmängeln, eine Unterstützung der Darmgesundheit oder – je nach Situation – auch naturheilkundliche Verfahren wie Infusionstherapien oder begleitetes Heilfasten.

 

zum Weiterlesen:

Omdal R. The biological basis of chronic fatigue: neuroinflammation and innate immunity. Curr Opin Neurol. 2020;33(3):391–396.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32304437/

Und immer wieder spannend: