„Ach herrjeh“, sagt meine Patientin enttäuscht, „und ich hatte so gehofft, dass wir jetzt endlich wissen, was los ist.“
Wir haben gerade die Ergebnisse ihrer letzten Untersuchung besprochen. Der Befund ist unauffällig. Eigentlich eine gute Nachricht. Aber meine Patientin hatte sich etwas anderes erhofft: eine Erklärung für ihre Beschwerden, vielleicht sogar einen konkreten Ansatz für die Behandlung.
Ich kann ihre Enttäuschung gut verstehen. Wer sich schon lange nicht wohlfühlt, wer von Arzt zu Arzt gegangen ist, verschiedene Behandlungen ausprobiert und womöglich immer wieder gehört hat, dass alles in Ordnung sei, möchte irgendwann einfach wissen, was mit ihm los ist.
Wenn Laborwerte zum Mittelpunkt werden
Manchmal kommen Menschen mit ganzen Stapeln von Laborbefunden in meine Praxis. Blutuntersuchungen, Stuhlanalysen, Nährstoffprofile, dazu lange Listen von Nahrungsergänzungsmitteln, die sie einnehmen oder bereits ausprobiert haben. Häufig haben sie sich selbst intensiv mit ihren Beschwerden beschäftigt, im Internet recherchiert, nach Zusammenhängen gesucht.
Das ist verständlich. Schließlich möchten sie selbst etwas dazu beitragen, dass es ihnen besser geht. Und wenn sich bei all den Untersuchungen endlich ein auffälliger Wert findet, ist die Hoffnung groß, damit auch die Ursache der Beschwerden entdeckt zu haben.
Nur ist das leider nicht immer so.
Ein Laborwert außerhalb des Referenzbereichs bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Erkrankung vorliegt. Referenzbereiche orientieren sich meist an den Messwerten einer definierten Vergleichsgruppe. Sie helfen bei der Einordnung, ziehen aber keine absolute Grenze zwischen gesund und krank. Manche Abweichungen sind vorübergehend oder medizinisch wenig bedeutsam. Andere müssen sorgfältig abgeklärt werden, auch wenn sie zunächst keine Beschwerden verursachen.
Laborwerte können uns viel erzählen. Aber sie erklären nicht immer das, was ein Mensch tatsächlich erlebt.
Was die Befunde nicht erzählen
In meiner Praxis nehme ich mir deshalb viel Zeit für die Anamnese. Mich interessiert nicht nur, wo es wehtut oder welche Beschwerden bestehen. Ich möchte wissen, wann alles angefangen hat, was damals im Leben dieses Menschen los war und wie sich die Beschwerden seitdem entwickelt haben.
Manchmal beginnt eine Krankengeschichte mit einer Infektion. Manchmal haben sich die Beschwerden nach einer Operation oder einer längeren Medikamenteneinnahme verändert. Auch Schlaf, Ernährung, berufliche Belastungen oder persönliche Krisen können eine Rolle spielen.
Nicht selten kommen dabei Dinge zur Sprache, die der Patient selbst bislang gar nicht mit seinen Beschwerden in Verbindung gebracht hat.
Gerade bei Verdauungsproblemen erlebe ich das häufig. Die Darmspiegelung war unauffällig, die üblichen Blutwerte ebenfalls. Trotzdem leidet der Betroffene unter Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfällen oder Übelkeit. Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wie reagiert der Darm auf bestimmte Mahlzeiten? Gibt es einen Zusammenhang mit Medikamenten? Könnten Störungen der Darmbewegung oder eine bakterielle Fehlbesiedlung beteiligt sein?
Solche Überlegungen können gezielte weitere Untersuchungen erforderlich machen. Es geht also keineswegs darum, auf Labordiagnostik zu verzichten. Vielmehr sollte sie eine konkrete Fragestellung beantworten.
Nicht alles auf einmal
Mit den heutigen diagnostischen Möglichkeiten lässt sich eine enorme Fülle an Informationen gewinnen. Auch ich arbeite gerne mit Laboruntersuchungen, wenn sie mir helfen, Beschwerden besser einzuordnen oder therapeutische Entscheidungen zu treffen.
Allerdings kann eine Vielzahl auffälliger Einzelwerte dazu verleiten, an möglichst vielen Stellen gleichzeitig anzusetzen. Hier ein Präparat zum Ausgleich eines Mangels, dort eines zur Unterstützung der Verdauung, dazu vielleicht noch etwas für das Immunsystem.
Am Ende steht der Patient vor einem umfangreichen Therapieplan, der nicht nur Geld kostet, sondern auch im Alltag bewältigt werden muss. Und bei dem sich möglicherweise kaum noch erkennen lässt, welche Maßnahme tatsächlich etwas bewirkt.
Deshalb setze ich lieber Schwerpunkte. Gemeinsam besprechen wir, welche Beschwerden im Vordergrund stehen, welche Befunde besonders wichtig sind und womit wir beginnen. Manches muss zeitnah behandelt werden, anderes kann zunächst beobachtet oder später erneut beurteilt werden.
Auch die Wünsche und Möglichkeiten meiner Patienten spielen dabei eine Rolle. Eine Behandlung, die sich nicht in den Alltag integrieren lässt, wird auf Dauer wenig helfen.
Manchmal braucht es einen anderen Blickwinkel
Manchmal kommt mir meine Arbeit vor wie die einer Detektivin. Ich muss neugierig bleiben, Zusammenhänge hinterfragen und vor allem offen sein für die Individualität meiner Patienten. Nicht immer führt der naheliegende Weg zum Ziel.
Genau darin liegt für mich eine der Stärken ganzheitlicher Medizin. Bauchkrämpfe müssen nicht zwangsläufig ihren Ursprung im Darm haben. Der Darm ist über den Vagusnerv eng mit dem Gehirn verbunden, und dieser Nerv überträgt in beide Richtungen. Stress, Schlafmangel oder eine dauerhafte Anspannung können deshalb spürbar auf die Verdauung durchschlagen. Das erklärt, warum bei manchen Menschen die Beschwerden nachlassen, wenn wir nicht am Darm selbst ansetzen, sondern an der Regulation des vegetativen Nervensystems. Atemübungen, Entspannungsverfahren oder auch eine gezielte Behandlung können hier manchmal mehr bewirken als das nächste Präparat.
Für meine Patientin mit dem unauffälligen Befund bedeutet das: Wir haben noch keine Erklärung gefunden. Aber wir haben etwas anderes. Wir haben einen Anhaltspunkt, von dem aus wir weiterdenken können. Vielleicht liegt die Antwort in einer früheren Infektion, in einer Medikamentenumstellung oder in einer Lebensphase, die sie selbst längst abgehakt hat. Oft ist es nicht der fehlende Befund, der uns blockiert, sondern die Frage, die wir noch nicht gestellt haben.
Und wenn Sie mehr in dieser Richtung lesen möchten, dann klicken Sie hier:
https://helga-wiesmann.de/2026/02/14/wie-machen-sie-das-bloss/
Und hier Infos zu Laborwerten:
https://www.gesundheitsinformation.de/laborwerte-richtig-verstehen.html

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