Fast jeder zweite Mensch in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Das ist eine Zahl, die erschreckt. Noch erstaunlicher ist allerdings, wie wenig sie offenbar mit der persönlichen Risikowahrnehmung zu tun hat.
Eine aktuelle Befragung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zeigt: Nur etwa zwölf Prozent der Befragten schätzen ihr persönliches Krebsrisiko als hoch oder sehr hoch ein. Dabei liegt das statistische Lebenszeitrisiko bei Männern und Frauen in Deutschland in der Größenordnung von 50 Prozent. Der Gegensatz ist bemerkenswert.
Krebs trifft die anderen. Bis er plötzlich zur eigenen Wirklichkeit wird.
Und dann taucht neben all den Fragen nach Behandlungsmöglichkeiten, Heilungschancen und der Zukunft manchmal noch eine andere auf: Habe ich etwas falsch gemacht?
Die Suche nach dem eigenen Fehler
Vielleicht waren es die Zigaretten vor zwanzig Jahren. Vielleicht das Glas Wein am Abend, die vielen Stunden im Büro, die ungesunde Ernährung, die falsch gelebte Beziehung. Oder der Stress, der einfach nicht aufhören wollte.
Menschen mit einer Krebsdiagnose beginnen manchmal, ihr bisheriges Leben nach möglichen Ursachen abzusuchen. Nicht selten nehmen sie bestimmte Reaktionen aus dem Umfeld wahr: „Hat er denn geraucht?“, lautet eine der ersten Fragen, wenn jemand an Lungenkrebs erkrankt. Bei Darmkrebs richtet sich der Blick auf die Ernährung, bei Hautkrebs auf frühere Sonnenbäder.
Natürlich gibt es Risikofaktoren. Rauchen erhöht das Risiko für Lungenkrebs erheblich, Alkohol kann die Entstehung verschiedener Krebsarten begünstigen, ebenso Übergewicht oder bestimmte Infektionen. Prävention ist wichtig, und viele Krebserkrankungen ließen sich durch die Verringerung bekannter Risiken vermeiden.
Aber ein Risikofaktor ist kein Schuldspruch.
Nicht jeder Raucher bekommt Lungenkrebs. Und längst nicht jeder Mensch mit Lungenkrebs hat geraucht. Auch Menschen, die sich ausgewogen ernähren, regelmäßig bewegen und auf ihre Gesundheit achten, können schwer erkranken.
„Sie haben einfach Pech gehabt“
Vor einigen Jahren hörte ich einen Vortrag, in dem der Referent über die Entstehung von Krebserkrankungen sprach. Einen Satz habe ich bis heute nicht vergessen:
„Sie haben einfach Pech gehabt.“
Ich fand ihn damals irgendwie entlastend. Natürlich ist Krebs nicht einfach nur Pech. Man weiß heute viel über genetische Veränderungen, erbliche Veranlagungen, Umwelteinflüsse und die Bedeutung des Lebensstils. Bei jeder Zellteilung können Fehler im Erbgut entstehen. Der Körper verfügt über ausgeklügelte Reparaturmechanismen, doch nicht jede Veränderung wird beseitigt. Über viele Jahre können sich Veränderungen ansammeln, aus denen unter bestimmten Bedingungen eine Krebserkrankung entsteht. Welcher dieser Einflüsse im konkreten Fall entscheidend war, lässt sich häufig gar nicht feststellen.
Der Satz aus dem Vortrag hatte deshalb für mich eine ganz andere Bedeutung: Nicht hinter jeder Erkrankung steht ein persönliches Versäumnis. Nicht alles, was einem Menschen widerfährt, lässt sich durch sein Verhalten erklären.
Krankheit ist keine moralische Frage
Vielleicht fällt es auch deshalb so schwer, Krankheit ohne Schuld zu betrachten, weil unsere Vorstellungen über Jahrhunderte von der Verbindung zwischen Krankheit, Sünde und Strafe geprägt wurden. Heute spricht zwar kaum noch jemand offen von göttlicher Bestrafung. Doch die Idee, dass ein Mensch seine Gesundheit durch richtiges Verhalten vollständig in der Hand habe, lebt unter der Oberfläche immer noch weiter.
Gesund essen, ausreichend bewegen, Stress vermeiden, positiv denken. All das kann sinnvoll sein. Problematisch wird es, wenn daraus die unausgesprochene Erwartung entsteht, ein gesunder Lebensstil müsse vor Krankheit schützen.
Besonders verletzend können Behauptungen sein, eine Krebserkrankung sei durch unterdrückte Gefühle, ungelöste Konflikte oder eine falsche innere Haltung entstanden. Solche Vorstellungen waren zeitweise sogar in der Medizin verbreitet. Die Annahme einer bestimmten „Krebspersönlichkeit“ hat sich wissenschaftlich jedoch nicht bestätigt. Das bedeutet nicht, dass die persönliche Lebensgeschichte bedeutungslos wäre. Manchmal werden erst im Rückblick, Jahre oder Jahrzehnte später, Zusammenhänge zwischen belastenden Lebensumständen, seelischen Erfahrungen und dem eigenen gesundheitlichen Befinden erkennbar. Sie können helfen, die eigene Geschichte besser zu verstehen. Daraus lässt sich aber weder eine eindeutige Ursache für eine Krebserkrankung noch eine persönliche Schuld ableiten.
Verantwortung beginnt im Hier und Jetzt
Dabei gibt es durchaus eine Verantwortung, die Menschen mit einer Krebserkrankung für sich übernehmen können. Nur richtet sie sich nicht rückwärts, auf vermeintliche Fehler und Versäumnisse, sondern sie sollte sich nach vorne richten.
Eine Krebsdiagnose verändert das Leben. Vieles wird plötzlich von Untersuchungen, Therapien und medizinischen Entscheidungen bestimmt. Umso wichtiger kann es sein, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen: sich über die Erkrankung informieren und bei Therapieentscheidungen mitsprechen. Und im Alltag die Dinge zu tun, die im Rahmen der eigenen Möglichkeiten guttun, sei es Ernährung, Bewegung oder einfach Ruhe.
Auch die komplementäre und psychoonkologische Begleitung kann hier ihren Platz haben. Sie bietet Gelegenheit, über Ängste und Belastungen zu sprechen und gemeinsam zu überlegen, was im Alltag guttut und welche unterstützenden Maßnahmen sinnvoll sind.
Für mich bedeutet das, den eigenen Weg zu finden, mit der Erkrankung umzugehen. Nicht passiv darauf zu warten, was geschieht, sondern sich selbst als handelnden Menschen wahrzunehmen. Dabei bleibt eine Unterscheidung entscheidend: Wer Verantwortung für den eigenen Umgang mit einer Erkrankung übernimmt, trägt damit nicht die Verantwortung für den Behandlungserfolg. Selbst wenn jemand alles ihm Mögliche tut, lässt sich der Verlauf einer Krebserkrankung nicht vollständig beeinflussen.
Eine schwere Erkrankung ist kein Beweis dafür, dass ein Mensch falsch gelebt hat. Und ein ungünstiger Krankheitsverlauf bedeutet nicht, dass er sich zu wenig bemüht hat. Vielleicht sollte man deshalb seltener fragen, was ein Mensch falsch gemacht hat. Und häufiger, was er jetzt braucht, um seinen Weg mit der Erkrankung möglichst gut gehen zu können.
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