Essen können ist keine Selbstverständlichkeit. Warum Verdauung und Wohlbefinden in der Begleitung einer Krebserkrankung zusammengehören.

„Ich habe überhaupt keine Freude mehr am Essen“, erzählt mir meine Patientin. Seit Beginn ihrer Krebsbehandlung ist ihr häufig übel, vieles schmeckt anders als früher, und nach wenigen Bissen fühlt sie sich satt. Inzwischen hat sie einige Kilogramm abgenommen. Dabei würde sie so gerne wieder normal essen können.

Die medizinische Behandlung ihrer Krebserkrankung steht selbstverständlich im Vordergrund. Doch was geschieht mit den Beschwerden, die sie im Alltag begleiten? Mit der Appetitlosigkeit, der veränderten Verdauung und der Sorge, körperlich immer schwächer zu werden?

Ich vergleiche die Darmgesundheit gerne mit dem Keller eines Hauses. Wenn dort Feuchtigkeit und Schimmel Probleme bereiten, hilft es wenig, auf dem Dach eine schöne Lichterkette anzubringen. Zuerst verdient das Fundament Aufmerksamkeit.

Ähnlich sehe ich es bei der begleitenden Betreuung von Menschen mit einer Krebserkrankung. Wenn Essen zur Belastung wird, die Verdauung Schwierigkeiten macht oder die Nährstoffversorgung leidet, gehören diese Probleme zu den ersten Dingen, um die ich mich kümmere. Nicht anstelle der onkologischen Behandlung, sondern begleitend dazu.

Essen können ist nicht selbstverständlich

Der Körper braucht in dieser Situation ausreichend Energie und Nährstoffe. Wird über längere Zeit zu wenig gegessen, kann das zu Gewichtsverlust und einem Abbau von Muskelmasse beitragen. Auch die körperliche Belastbarkeit leidet darunter.

Nicht jeder Gewichtsverlust lässt sich allerdings allein durch mangelnde Nahrungsaufnahme erklären. Bei manchen Erkrankten verändern entzündliche und stoffwechselbedingte Prozesse den gesamten Energiehaushalt. Umso wichtiger ist es, Veränderungen von Gewicht, Appetit und Verdauung frühzeitig wahrzunehmen und bei Bedarf ernährungsmedizinisch abklären zu lassen.

Auch die Krebsbehandlung selbst kann den Darm belasten. Bestimmte Chemotherapien schädigen die Darmschleimhaut und verursachen Durchfälle. Bestrahlungen im Bauch- oder Beckenbereich beeinträchtigen die Darmfunktion. Unter Immuntherapien können entzündliche Veränderungen auftreten, die ärztlich abgeklärt werden müssen.

Was die Mikrobiomforschung inzwischen weiß

Dass Darmbakterien weit mehr tun, als bei der Verdauung zu helfen, beschäftigt inzwischen auch die Krebsforschung. Besonders interessant ist ihre mögliche Rolle bei der Immuntherapie.

2018 untersuchte eine amerikanische Forschergruppe das Darmmikrobiom von 112 Menschen mit schwarzem Hautkrebs, die eine Checkpoint-Inhibitor-Therapie erhielten. Bei der Auswertung von Stuhlproben zeigte sich: Wer auf die Behandlung ansprach, wies häufig eine größere Vielfalt an Darmbakterien auf. Weitere Untersuchungen bestätigten Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom und dem Therapieansprechen. Welche Bakterien dabei eine Rolle spielen, unterschied sich allerdings zwischen den Studien.

Ein bestimmtes gutes Mikrobiom, das sich gezielt herstellen ließe, kennt die Wissenschaft bislang nicht. Auch lässt sich daraus keine Empfehlung ableiten, durch Probiotika oder eine Darmsanierung den Erfolg einer Krebsbehandlung verbessern zu wollen.

Interessant ist dagegen, wie sich vorhandene Darmbakterien über die Ernährung unterstützen lassen. Ein einfaches Beispiel sind gekochte, abgekühlte Kartoffeln. Beim Abkühlen entsteht resistente Stärke vom Typ 3, die im Dickdarm von bestimmten Bakterien fermentiert werden kann. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, darunter Butyrat, eine wichtige Energiequelle für die Zellen der Dickdarmschleimhaut.

Was komplementäre Begleitung beitragen kann

Zurück zu meiner Patientin. Ich frage sie nach ihrem Appetit, nach Beschwerden nach dem Essen, nach Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung. Ich frage, ob ihr Gewicht stabil ist und welche Medikamente und onkologischen Behandlungen gerade laufen. Aus diesen Antworten ergibt sich, welche Beschwerden ärztlich abgeklärt werden müssen und wo ich unterstützen kann.

Essen ist mehr als die Aufnahme von Nährstoffen. Es gehört zum gesellschaftlichen Leben und zum persönlichen Wohlbefinden. Eine Krebserkrankung ist meist auch eine seelische Belastung, und Angst oder Unsicherheit wirken sich auf den Verdauungstrakt aus. Umgekehrt beeinträchtigen körperliche Beschwerden das seelische Befinden. Deshalb betrachte ich beides in meiner Praxis nie getrennt.

Bei meiner Patientin geht es zunächst um kleine, konkrete Dinge. Wir passen die Ernährung an ihre Beschwerden an, berücksichtigen Unverträglichkeiten und schauen, wann und wie sie isst. Bei gereizten Schleimhäuten helfen Suppen und Eintöpfe. Die Mundschleimhaut verdient dabei besondere Sorgfalt, mit weichen Bürstchen und pflanzlichen Spülungen ohne Alkohol.

Und dann ist da die Angst vor dem körperlichen Abbau, die Unsicherheit über den weiteren Verlauf, das Gefühl, dem eigenen Körper nicht mehr vertrauen zu können. Hier hat die psychoonkologische Begleitung ihren Platz.

Komplementäre Begleitung ersetzt weder die onkologische Behandlung noch die medizinische Versorgung ihrer Nebenwirkungen. Sie kann aber Raum schaffen, um individuelle Beschwerden wahrzunehmen und gemeinsam mit den behandelnden Ärzten passende Unterstützung zu finden.

Ein Stück Lebensqualität bewahren

Der größte Wunsch meiner Patientin ist im Moment gar nicht, ihre Ernährung grundlegend umzustellen. Sie möchte wieder mit Appetit essen können, ohne anschließend unter Übelkeit oder Bauchbeschwerden zu leiden.

Das klingt nach einem kleinen Wunsch. Während einer Krebserkrankung kann er eine große Bedeutung haben.

Nicht jede Verdauungsbeschwerde lässt sich vermeiden oder vollständig beheben. Aber sie verdient Aufmerksamkeit, ebenso wie die Frage, ob ausreichend Nahrung aufgenommen werden kann und wie es dem Menschen mit seiner Erkrankung geht.

Deshalb gehört die Darmgesundheit für mich auch in der Begleitung von Krebspatienten selbstverständlich dazu. Nicht als Behandlung des Tumors, sondern als Teil der Fürsorge um den Menschen, der mit dieser Erkrankung lebt.

Zum Weiterlesen

Gopalakrishnan et al., Science (2018): Gut microbiome modulates response to anti-PD-1 immunotherapy in melanoma patients. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov

Lee et al., Nature Medicine (2022): Cross-cohort gut microbiome associations with immune checkpoint inhibitor response in advanced melanoma. nature.com